„Richtig freche Früchtchen“ – Poetry Slam im Hörsaal

Wehwalt Koslovsky trägt seinen Text "Lied von der Pocke" vor
Mit großer Sicherheit wurden im Hörsaal 1 der Universität noch nie so viele Menschen auf einmal gesehen. Und sicherlich hingen hier noch nie so viele Menschen derart gebannt an den Lippen der Vortragenden wie am vergangenen Mittwoch. Der Poetry Slam im Rahmen des CampusFests der Universität zog nach Schätzung der Veranstalter zwischen 600 und 700 Besucher an – ohne diejenigen zu zählen, die den Hörsaal aufgrund von Überfüllung wieder verlassen mussten oder es gar nicht erst bis zur Tür schafften! Doch nicht nur quantitativ war die Veranstaltung ein voller Erfolg. Auch die Qualität der gelesenen Texte war durchweg besonders hoch.

Das Publikum war die Jury
Durch den Abend führte das Moderationsteam bestehend aus Sebastian „Basti“ Ruppert und der Slammerin Karla Schnikov, die zunächst die Regeln der Veranstaltung erläuterten. Wie bei jedem Slam üblich, dürfen die Teilnehmer nur selbst verfasste Texte vortragen, wozu sie 8 Minuten Zeit haben. Hierzu dürfen keinerlei Requisiten verwendet werden (außer den Texten zum Ablesen) und nicht, bzw. nur auszugsweise, gesungen werden. Die Bewertung der vorgetragenen Texte erfolgt durch das Publikum. Von fünf zufällig ausgewählten Zuschauern wird die im Applaus transportierte Reaktion des Publikums in eine Bewertung von maximal zehn Punkten umgesetzt. Um ein möglichst objektives Mittel der Bewertungen zu ermitteln, werden die höchste und die niedrigste Bewertung gestrichen, sodass jeder Text eine Maximal-Punktzahl von 30 Punkten erreichen kann.

Zur Einstimmung las Karla Schnikov, die aufgrund ihres Charmes und ihrer Lieblichkeit nicht „die Cindy aus Marzahn des Poetry Slams“ genannt werden möchte, mit dem Text „In jedem Busch, in jedem Baum“, in dem sie unter anderem die Wirkungen von „Crystal Mett“ erörterte und erreichte – außer Konkurrenz – die stolze Punktzahl von 26,5.

Passauer Slam-Urgestein Mo!
So aufgewärmt war das Publikum bestens vorbereitet für den ersten der drei Vorrunden-Blöcke, bestehend aus jeweils drei Slammern. Der erste Text kam von Flo Langbein, dem Fränkischen Poetry Slam Meister 2015 aus Bamberg. In „Befotzt“ regte er sich über die Entgleisungen der Jugendsprache auf, verband einen fünfhebigen Jambus mit Hüftschwung und einem Griff in den Schritt und erreichte mit diesem sehr performance-lastigen Auftritt 22,5 Punkte.
Ihm folgte auf der Bühne die Slam-Anfängerin Katharina W., Passauer Studentin aus Berlin, die mit „Von wegen Stärkenanalyse“ auf sehr amüsante Weise eine der Master Vorlesungen der Uni Passau und deren Lernpotenzial aufs Korn nahm und dafür 19 Punkte erhielt.
Den ersten Finalplatz jedoch ergatterte das Passauer Slam-Urgestein Mo! mit seinem Text „Polysynthese“. 25,5 Punkte erreichte er, indem er mit sichtlichem Spaß an der Sache die Zuhörer mit einem Text über Kannibalismus, Selbstverstümmelung und Selbstverzehr und der Stimme eines Death-Metal-Shouters zwischen Faszination und Ekel festhielt.

Den zweiten Block eröffnete der "Senior" der Veranstaltung, Wehwalt Koslovsky, den seine Slam-Karriere zuletzt vor zwölf Jahren nach Passau verschlagen hatte. Wehwalt kehrte den grimmigen Künstler heraus und teilte zunächst Beleidigungen ans Publikum aus wie der Nikolaus Schokolade. Mit seiner technisch sehr komplexen und theatralisch vorgetragenen Neuinterpretation der Schiller-Ballade „Schillers Glocke“, genannt „Das Lied von der Pocke“, bekam er 27,5 Punkte.
Im Anschluss verglich Zita Lopram die BILD-Zeitung mit Gehirnwäsche und konstatierte: „Du darfst schon Nazi sein, aber dann bist du halt scheiße“. Der Slammer aus dem nahen Wasserburg am Inn erhielt für seinen medienkritischen Text „Hass zum Mitnehmen“ mit 27,5 die gleiche Punktzahl wie sein Vorredner.
Isaac streikte mit kurzer Hose gegen das Wetter und erntete mit seinem Text „Das Schicksal eines besten Freundes“ einige Lacher und solide 23,5 Punkte, konnte sich jedoch gegen die anderen beiden Kandidaten nicht durchsetzen. Da das Publikum sich zwischen Wehwalt Koslovsky und Zita Lopram nicht entscheiden konnte, wurde kurzerhand beiden ein Platz im Finale zuteil.


Passauer Slamtradition: Das Kleinod
Es folgte eine längere Pause, die den Zuschauern selbst Gelegenheit gab, kreativ zu werden. Eine Besonderheit des Passauer Slams sind die „Kleinode“, die bei jeder Veranstaltung verlost werden. Es handelt sich um ungewöhnliche Gegenstände, in diesem Fall eine überdimensionierte Bade-Ente und ein Krümelmonster-Kissen, welche die Zuhörer durch eine kreative „Kleinod-Bewerbung“ gewinnen können. Dies trägt teilweise sehr lustige Früchte.

In den Kampf um den letzten Finalplatz begab sich im letzten Block dann zunächst Juju ins Rennen. Sie erzielte mit ihrem „Lückentext“ über Lückenbüßer und das Fehlen von Liebe eine Wertung von 22 Punkten.
 
Im Anschluss stellte sich der „Domino Day“-Enthusiast Lukas Thymian mit einem Text über die schwierige Wohnungssuche in München dem Publikum. Er berichtete von einer Suche, bei der ihm leider nur „Behausungen von der traurigen Gestalt“ begegneten und er in die Abgründe der menschlichen Seele blickte. Für den Traum, dass Pluto der Planetenstatus wieder anerkannt würde, weil es nicht auf die Größe ankäme, strich er 27 Punkte ein.
Auf den letzten Metern vor dem Finale stieg dann noch Thomas Spitzer, schon zweimaliger Gewinner des Passau Slams, in den Ring und brachte den gesammelten Hörsaal 1 von der ersten Minute an mit seinem Text „Wenn alles anders wäre“ (siehe Video) zum Lachen. Die Vision einer schöneren Welt, in der alles anders wäre, Matheaufgaben illegal in einem mexikanischen „Math Labor“ erstanden werden müssten und alle eine gute Zeit hätten, erreichte mit sensationellen 30 Punkten die Maximalwertung und zog so mit Pauken und Trompeten ins Finale ein.





Da im Finale die Slammer in umgekehrter Reihenfolge antraten, hatte Thomas Spitzer direkt Gelegenheit nachzulegen. Obwohl er „I hate juice“ ein bisschen unglücklich ausspricht und der Adler früher sein Lieblingstier war, weil er es lustig fand, dass Adler in einem „Horst“ wohnen, beantwortete er mit dem Text „Nein, ich bin kein Nazi“ eine ihm häufig gestellte Frage und plädierte für weniger politische Korrektheit und mehr „freche Früchtchen“. Thomas Spitzer traf den Humor der Passauer Zuhörer und legte mit 27,5 Punkten vor, sodass er auch von seinen Mitbewerbern nicht mehr eingeholt werden konnte.
Verdienter Sieger: Thomas Spitzer

Trotzdem sorgten diese noch für gute Unterhaltung. Zita Lopram legte mit seinem Bananentext noch einmal medienkritisch nach und erhielt eine Wertung von 25 Punkten. Wehwalt Koslovsky erhielt für sein technisch wieder sehr komplexes Gedicht „Dei non tacent“ 25,5 Punkte. Mo! nutzte die Gelegenheit einen seiner ersten Texte „Petra und der Popel, der ihr Leben veränderte“ mit Inbrunst vorzutragen und genoss sichtlich das Spiel mit dem Ekel der Zuschauer, was ihm 24 Punkte einbrachte.
Somit ging Thomas Spitzer nun schon zum dritten Mal als Sieger aus dem Passau Slam hervor und gewann sehr verdient nicht nur den ersten Preis, sondern auch eine Flasche Pfefferminzlikör.

 Herzlichen Dank an Julia Kronawitter von den lichtgestalten für die tollen Fotos!

kultürlich-Autorin: Joana Kirstein




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